Nachbetrachtung zum Protest an der Gallaudet-Universität

Verschwindende Zeltstadt
Von der Zeltstadt der Protestteilnehmer sind nur ein paar braune Flecken auf dem Rasen übrig geblieben.

Oder: Was ging gut, was ging schief, und was kann man besser machen?

Im Rückblick liefen die massiven Proteste an der Gallaudet-Universität gegen die Ernennung von Dr. Jane Fernandes als zukünftige Präsidentin alles andere als gut. Die derzeitige Lage ist, daß auf dem Campus alles ruhig ist. Die FSSA versucht, sich neu zu organisieren. Wie es nun weitergehen wird, ist noch nicht klar. Einige Leute meinen, daß nach der Sommerpause, im Herbst, der Protest erneut aufflammen wird. Sicher ist im Moment, daß die Proteste zum jetzigen Zeitpunkt wenig erreicht haben. Dieser Artikel soll dazu dienen, die Gründe zu analysieren, warum bisher so wenig erreicht wurde, und welche Konsequenzen wir für die Zukunft ziehen können.

Der Unterschied zwischen diesem Protest und DPN anno 1988 ist kraß. Diesmal wurde nicht viel erreicht, während dagegen 1988 die Protestteilnehmer einen Sieg auf der ganzen Linie feiern konnten. Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß diese beiden Protestbewegungen nichts gemeinsam hatten, obwohl DPN gerne zum Vergleich herangezogen wird. Werfen wir doch einmal einen Blick auf die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Situationen von heute und damals.

Vergleich mit DPN

Im folgenden sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in tabellarischer Form gefaßt, mit ausführlicheren Erläuterungen weiter unten.

KriteriumHeute, 2006DPN, 1988
Bürgerrechtliche Bewegung [mehr ...]NeinJa
Klare und eindeutige Linie [mehr ...]Nein Ja
Positive Berichterstattung in den Medien [mehr ...]Nein Ja
Positive Sicht der Öffentlichkeit [mehr ...]Nein Ja
Bewegung für etwas, nicht gegen etwas [mehr ...]Nein Ja
Klar identifizierbare Protestführer [mehr ...]Nein Ja
Friedlicher Protest [mehr ...]Nein Teils-teils
Unterstützung von der Professorenschaft [mehr ...]Ja Ja
Unterstützung von der Gehörlosengemeinschaft [mehr ...]Teils-teils Ja

Es ist schon auffällig, daß fast alle Gegebenheiten sich von DPN unterscheiden, und das zumeist im negativen Sinne. 

Bürgerrechtliche Bewegung

Bei DPN ging es um Gehörlose gegen Hörende, um das Recht auf Gleichstellung, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Diesmal hingegen zieht sich der Graben quer durch die Gehörlosengemeinschaft, und es geht "nur" darum, welche Richtung und welche Ziele die Universität in Zukunft verfolgt. Das macht es schwierig, eine eindeutige, für Außenstehende leicht verständliche Linie zu vertreten. Während des gesamten Protestes hinweg war deutlich zu merken, daß jeder seine eigenen Gründe hatte, warum er oder sie protestierte. Damit wären wir beim nächsten Punkt angelangt:

Klare und eindeutige Linie

Bei DPN war es einfach zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Es gab qualifizierte Gehörlose, die das Präsidentenamt übernehmen konnten und trotzdem wurde mit Dr. Elizabeth Zinser eine Hörende ernannt. Keine Frage, die Rechte der Gehörlosen wurden grob mit den Füßen getreten.

Diesmal hingegen kann man die Dinge nicht so leicht in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, unterteilen. Es gibt Argumente sowohl für als auch gegen Dr. Jane Fernandes, und ihre akademischen Qualifikationen für das Präsidentenamt sind unbestritten. Obwohl die Protestteilnehmer offiziell versuchten, Dr. Fernandes's Führungsqualitäten in Frage zu stellen, blieb immer der Unterton, daß es um persönliche Feindschaften und um ihren Hintergrund als oral erzogene Gehörlose ging. Selbst für Leute, die die ganze Zeit am Ball waren, war und ist es schwierig, in wenigen, eindeutigen Worten zu erklären, worum es eigentlich ging.

Positive Berichterstattung in den Medien

Erste Eindrücke sind wichtig. Wenn man erst einmal auf falschem Fuße gestartet ist, ist es unglaublich schwierig, den Trend noch umzukehren. Wenn dazu dann noch kommt, daß keine klare Linie ersichtlich ist, hat man alle Zutaten für eine mittlere Katastrophe in der Öffentlichkeitsarbeit zusammen. Somit ist es nicht verwunderlich, daß die Berichterstattung über die Proteste gegen Dr. Fernandes überwiegend negativ war. Zum Beispiel:

Unglaublich, aber wahr: 228 negative Artikel gegenüber 31 positiven, beziehungsweise 105 negative Artikel gegenüber 8 positiven! Wenn man sich auch nur eine Minute lang nicht unter Kontrolle hält und den falschen Eindruck macht, kann man dafür unbarmherzig mit negativer Presse bestraft werden. Die Polemik in einigen Blogs, die sich sogar nicht zu fein war, handfesten Rufmord auszuüben, hat ihr Übriges getan. Genauso wichtig ist es, der Presse gegenüber mit leicht verdaulichen und verständlichen positiven Schlagwörtern aufzuwarten, oder man riskiert ignoriert zu werden.

Im Gegensatz dazu war die Presse über DPN hauptsächlich positiv, nicht zuletzt auch, weil es einfach war, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden.

Positive Sicht der Öffentlichkeit

Angesichts der erschütternden Pressestatistiken und dem Kuddelmuddel um eine klare Linie in den beiden vorhergehenden Abschnitten, gibt es hier nicht viel zu sagen. Das Image in den Medien und Blogs zählt, wenn man eine wohlgesonnene Öffentlichkeit sehen möchte.

Bewegung für etwas, nicht gegen etwas

Im Kern ging es bei diesem Protest darum, daß Dr. Jane Fernandes als Präsidentin nicht akzeptabel sei, und daß das Suchverfahren Mängel aufwiese. Im Gegensatz dazu ging es bei DPN darum, einen tauben Präsidenten zu stellen. Der kleine aber wichtige Unterschied zwischen den beiden Themen ist, daß der jetzige Protest kaum konstruktive Elemente aufwies. Dr. Fernandes soll weg, und das Suchverfahren hatte Probleme. Und was nun? Was soll statt dessen passieren? Eine konstruktive Linie macht nicht nur in der Öffentlichkeit, ganz besonders in Amerika, einen besseren Eindruck, sondern sie hilft auch, wenn es zu konkreten Verhandlungen kommt, wie zum Beispiel zwischen dem Kuratorium und den Protestierenden. Eine andere Sicht ist auch, daß eine negative Bewegung, gegen etwas, leicht dazu führen kann, daß jeder andere Gründe angibt, warum er oder sie protestiert. Wie oben angeführt, machen solche Umstände es schwierig, eine klare und gemeinsame Haltung auszuarbeiten.

Klar identifizierbare Protestführer

Bei DPN war klar, wer die die vier Hauptanführer waren. Dazu kam eine weitere Gruppe von Leuten, die die Linie ausarbeiteten und vertraten. Im Gegensatz dazu waren bei diesem Protest jede Menge Leute in Führungspositionen vertreten, und noch schlimmer, jeder hatte etwas anderes zu sagen. Teilweise war gar nicht klar, wer denn nun eigentlich das Sagen hatte.

Friedlicher Protest

Gewalt bedeutet nicht unbedingt, daß man in Schlägereien oder ähnliches verwickelt wird. Eine andere Form von Gewalt spielt auf verbaler und emotionaler Ebene und kann ebenso verletzend sein. Die Verbalangriffe auf die Person von Dr. Fernandes und einzelne Mitglieder des Kuratoriums schlugen über alle Stränge und bewegten sich jenseits aller Grenzen des guten Geschmacks und der Menschenwürde. Umgekehrt hatte aber auch die Universitätsverwaltung keine weiße Weste, zum Beispiel wegen der Androhung von Polizeigewalt gegen die Protestierenden und die Verbalattacken einiger Unterstützer von Dr. Fernandes gegen die Protestierenden. Klar ist, daß man sich in so einem Klima nicht über Ausraster und die damit verbundene negative Presse wundern muß.

Bei DPN ist die Lage nicht so klar. Laut einiger Berichte gab es auch dort emotionale und verbale Ausraster, aber ob das Klima ähnlich vergiftet war, kann ich nicht ohne weitere Rücksprachen klären.

Unterstützung von der Professorenschaft

Dies ist der einzige Punkt, in dem die beiden Protestbewegungen volle Übereinstimmung zeigen. Sowohl DPN als auch der jetzige Protest wurden anscheinend von der Mehrheit der Professoren unterstützt. Ohne diese Unterstützung wären beide Bewegungen wohl frühzeitig im Sande verlaufen und als das Werk einiger "Anarcho"-Studenten abgestempelt worden.

Unterstützung von der Gehörlosengemeinschaft

Es gab in der amerikanischen Gehörlosengemeinschaft viele Sympathien für die Proteste gegen Dr. Fernandes' Ernennung zur Präsidentin. Viele Gehörlose fühlen sich eng mit Gallaudet verbunden und waren sogar bereit, in der Zeltstadt zu campen, um ihre Solidarität zu bekunden. Dennoch gab es etliche Gegenstimmen, und nicht jeder hatte Verständnis für die Anliegen oder die Vorgehensweise der Protestteilnehmer. Wieviele gehörlose Leute nun konkret für oder gegen die Proteste waren, läßt sich nicht ohne weiteres abschätzen.

Konsequenzen

Die Einträge in der Tabelle legen nahe, daß eine lange Reihe kapitaler Fehler begangen wurden. Wenn die Proteste in der Tat im Herbst wieder aufflammen sollten, haben die Teilnehmer einen langwierigen und harten Kampf vor sich, ohne konkrete Aussichten auf einen Erfolg am Ende. In Hinsicht auf das, was man aus den Protesten gegen die Ernennung von Dr. Fernandes lernen kann, bleibt unter dem Strich nur, daß sie ein Paradebeispiel dafür abliefern, wie man es nicht angehen sollte.

Die meiner Meinung nach wichtigste Lehre, die man ziehen kann, ist daß leicht verständliche und leicht beurteilbare Schlagwörter ein Muß sind. Wenn man nicht ohne viel Überlegen beurteilen kann, wer im Recht und wer im Unrecht ist, und worum es eigentlich geht, gibt es kaum Aussichten auf Erfolg. Eine gute Pressearbeit ist ebenso ein Muß, wenn man ein positives Bild in der Öffentlichkeit darbieten möchte.

Christian Vogler