Schlittert die Suche nach einem neuen Präsidenten für Gallaudet in eine Krise?

Hinweis: Alle Kommentare, Berichte und Informationen auf dieser Seite stellen rein meine eigene private Meinung dar und haben weder etwas mit der offiziellen Haltung der Gallaudet-Universität zu tun, noch sind sie von der Gallaudet-Universität beeinflußt oder abgesegnet worden.

Siehe dazu auch die Hintergrundinfos, den erklärenden Artikel von Hilde Haualand und die Nachbetrachtung.

31.5.2006 9:00 Nachbetrachtung

Es ist nun eine Nachbetrachtung zu den Protesten verfügbar, mit einer Analyse der Dinge, die richtig liefen und der Dinge, die schief liefen.

14.5.2006 20:00 Entscheidung, aber keine Lösung

Einige haben sich bestimmt gewundert, warum ich die Seite so lange nicht aktualisiert habe. Die Gründe sind traurig: teilweise waren die Vorgänge an der Universität so dermaßen unter der Gürtellinie, daß mir gründlich die Lust verging, mich in meiner freien Zeit auch noch mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Eine Zusammenfassung der aktuellen Lage, mit späteren ausführlichen Berichten: Am Donnerstag und Freitag traf sich das komplette Kuratorium an der Gallaudet-Universität. Nach fünfstündigen Beratungen zwischen dem Kuratorium und der FSSA wurden vier Themen identifiziert: Kommunikation, Rechenschaft, Vielfalt und Führungsqualitäten. Keine Kompromisse - Auto mit SlogansDie FSSA zog sich zur internen Beratung zurück und entschied, daß die ersten drei Themen erst dann behandelt werden können, wenn das vierte vom Tisch ist. Als Folge davon, beharrt die FSSA weiter zuerst auf einem Rücktritt von Dr. Jane Fernandes. Kompromisse sind in der derzeitigen Lage anscheinend nicht möglich.

Das Kuratorium reagierte am Freitag mit einem geschickten Schachzug: Dr. Jane Fernandes tritt als Kanzlerin zurück, um sich ganz auf den Übergang zum Präsidentenamt ab dem 1.1.2007 konzentrieren zu können. Vorerst soll, mit Unterstützung der Gemeinschaft, ein vorläufiger neuer Kanzler berufen werden, und dann später eine andere Person als fester neuer Kanzler.

Pressekonferenz der FSSAEs ist schwierig, diese Entscheidung als etwas anderes als eine handfeste Niederlage für die FSSA zu interpretieren. Das Kuratorium hat deutliche Signale gesetzt, daß es Dr. Jane Fernandes als Präsidentin nach wie vor unterstützt, und gleichzeitig hat es sie von öffentlichen Funktionen bis Anfang 2007 entbunden. Das macht es für die FSSA schwieriger, ihr im Laufe der folgenden 7 Monate mangelnde Führungsqualitäten nachzuweisen. Gleichzeitig setzt das Kuratorium die FSSA unter Druck, bei der Suche nach einem neuen Kanzler aktiv und konstruktiv mitzuwirken. Die FSSA beharrt weiter auf ihren beiden Forderungen (siehe auch den Artikel von Hilde Haualand), aber die Organisation hat große interne Diskussionen und Reibereien vor sich. Dazu kommt, daß mit Ende des Semesters viele Studenten für den Sommer über nach Hause gehen. Die Zeltstadt ist verschwunden, und es scheint, daß, wenn überhaupt noch etwas stattfinden wird, weitere große Aktionen bis zum Herbst warten müssen.

Die vielschichtigen Gründe für den Protest bestehen weiter, und es ist sehr fraglich, wie in der derzeitigen Situation ein Heilungsprozeß beginnen kann. Der ist aber, wegen der bitteren Spaltungen in der Gemeinschaft, unbedingt notwendig.

Artikel in der Washington Post

14.5.2006 19:00 Artikel von Hilde Haualand

Hilde Haualand, eine taube Norwegerin, die zur Zeit für ein Jahr die Gallaudet-Universität als wissenschaftliche Mitarbeiterin besucht, hat einen langen Artikel für die Gehörlosengemeinschaften in Europa geschrieben, der die Situation und die Ziele der Proteste erläutert, und auf der Deafacademics-Mailingliste veröffentlicht. Der Nachdruck hier erfolgt mit ihrer freundlichen Genehmigung.

Der Artikel

Datum: 8.5.2006
Autor: Hilde Haualand
Deutsche Übersetzung und Fotos: Christian Vogler

Worum geht es?

Ich schlage vor, die offizielle Website der Protestteilnehmer anzusehen: Gallaudet FSSA. In aller Kürze:

Viele glauben, daß JK (Jane K Fernandes' Namensgebärde ist "JK") ernannt wurde, weil das Suchverfahren Mängel aufwies: fehlende Rücksichtnahme auf Vielfalt, und Dr. I. King Jordan (IKJ) soll unangebrachten Einfluß ausgeübt haben. JK ist auf dem Campus keine beliebte Persönlichkeit, mit vielen kontroversen Entscheidungen und Angelegenheiten hinter ihr. Ein Professor an der Gallaudet-Universität gab mir gegenüber in einem persönlichen Kommentar zu, daß vieles, was die Leute über das Suchverfahren wissen und glauben, auf Hörensagen basiert, aber es gibt so viele Geschichten darüber, daß es einem schwerfällt, sie zu ignorieren. Was die Situation weiter kompliziert, ist, daß viele der Geschichten sehr persönlich und sehr emotional sind, und somit ist es schwierig, ein scharf umrissenes Bild zu zeichnen.

Einigkeit für GallaudetDie Leute wollen Einigkeit für die Gallaudet-Universität (der Protestslogan, der auch auf den T-Shirts erscheint und glauben, daß ein Weg zu diesem Ziel darüber führt, das Suchverfahren erneut zu starten und mehr auf die Vielfalt und Angelegenheiten von Minderheiten zu achten.

Geht es darum, daß die Leute direkten Einfluß auf die Wahl des Kandidatens nehmen wollten?

Die Leute glaubten, bzw hofften, daß das Kuratorium (engl.: Board of Trustees, BoT) ihre Haltung verstehen würden, daß die Gemeinschaft auf dem Campus JK nicht als ihre nächste Präsidentin haben wollte, und ihr darin zustimmen würde, aber es entschied anders. Die Leute haben die Nase voll davon, daß sie von der Universitätsverwaltung und dem Kuratorium ignoriert werden. Eine Forderung ist, daß das Suchverfahren erneut gestartet wird, und daß in der Zusammensetzung des neuen Suchkomitees (engl.: Presidential Search Committee, PSC) mehr Rücksicht auf die Thematik "Vielfalt" genommen wird. Es wird daran geglaubt, daß JK niemals ernannt worden wäre, wenn es ein Suchkomitee gäbe, welches diesen Forderungen entspricht.

Handelt es sich einfach um eine Gruppe verstimmter Leute, die nicht mit dem Verfahren oder der Person zufrieden sind?

Nein, nicht verstimmt. "Frustriert" ist ein besseres Wort.

Fernandes (JK) ist "leichte Beute". Sie gebärdet nicht sonderlich gut, sie ist nicht sehr freundlich, und sie ist nicht sehr kontaktfreudig. Viele kennen sie mehr oder weniger als eine harte Verwalterin, oder schlimmer, als eine Person, die bei ihnen schlechte Gefühle hat aufkommen lassen. Der Protest begann gegen ihre Person, aber wenig später wandelte er sich in einen Protest gegen das System um, das sie angeblich repräsentiert. Die Studenten haben damit angefangen, aber Vertreter der Professorenschaft, Mitarbeiter und ehemaliger Studenten fingen nach 1-2 Tagen an, mitzumachen und stellten die FSSA-MitgliederFSSA-Koalition (Faculty, Students, Staff, Alumni) auf die Beine. FSSA repräsentiert nicht den gesamten Campus, aber bekommt schnell immer mehr Unterstützung.

Die nächsten Kommentare basieren auf meinen eigenen Beobachtungen und Interpretationen. Ich habe seit November auf dem Campus gewohnt. Ich habe einige Unzufriedenheit und viele Spannungen auf dem Campus gesehen, die für lange Zeit nicht ausgelassen oder gemildert wurden. Es sieht so aus, als ob die Leute ihre Frustrationen mit der Verwaltung und der Art und Weise, wie die Gallaudet-Universität funktioniert, zurückgehalten haben, weil bald ein neuer Präsident gewählt werden würde, und es bestand Hoffnung, daß die Gallaudet-Universität eine neue Richtung oder Zukunft einschlagen könnte. (Ich könnte noch viel mehr über die Dinge sagen, die ich erfahren habe oder mir aufgefallen sind, aber nicht in einer E-Mail. Außerdem würdet Ihr von jeder Person eine andere Variante erfahren.)

Studenten und die Professorenschaft sagten eindeutig, daß sie die Kanzlerin (JK) nicht als ihre nächste Präsidentin haben wollten und dachten, daß das Kuratorium dies beachten würde (Das Kuratorium hat dies tatsächlich beachtet, aber war anderer Meinung als sie). Als JK ernannt wurde, wußten bzw. fühlten die Leute, daß sie mehr von der gleichen Herangehensweise bekommen würden, über welche sie lange Jahre frustriert waren, und die Gefühle explodierten. Die Leute möchten eine andere Gallaudet-Universität als die, die IKJ erstellt hat, sie möchten einen Ort, wo Vielfalt selbstverständlich ist, und wo weiße, hörende Privilegien weg sind. Aber es gibt auch Leute, die starke Befürworter von ASL, Gehörlosenkultur, Vielfalt usw. sind, die nicht mit den Zielen des Protestes übereinstimmen, und die die Ernennung von JK befürworten. Deswegen ist es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, daß es sich nicht um einen "Kulturenkrieg" zwischen ASL-Befürwortern und tauben Englisch-Befürwortern handelt.

Wir bekommen verwirrende Informationen über die Proteste an der Gallaudet-Universität; wie bedeutend ist diese Geschichte in Wirklichkeit?

Hm ... wie bedeutend ist diese Geschichte? Sie wächst in der Tat rasant an. Die Washington Post hat in dieser Woche täglich darüber berichtet, und sie wurde auf einigen Nachrichtenkanälen im Fernsehen gezeigt, unter anderem ABC7 heute abend und in den Nachrichten von heute morgen, die ankündigten, daß sie die Proteste mitverfolgen würden.

Forderung nach sozialer GerechtigkeitNeueste Nachrichten: Die FSSA wird den U.S.-Kongreß darum bitten, einzuschreiten [Anmerkung der Redaktion: Drei Leute aus dem Repräsentantenhaus und dem Senat sind Mitglieder des Kuratoriums]. Die Professorenschaft wird sich heute nachmittag um 4 Uhr treffen, wo ein mögliches Resultat ein Mißtrauensvotum gegen JK sein wird [Anmerkung der Redaktion: Dies war in der Tat das Resultat, siehe diesen Bericht unten].

Kenner der Universitäten und Colleges in den USA sagen außerdem, daß [der Protest] ein Symptom der wachsenden Frustrationen ist, die viele Professoren und Studenten an etlichen Universitäten fühlen - über mangelnde Kommunikation und Kooperation mit der Universitätsverwaltung. In dieser Hinsicht ist die Gallaudet-Universität kein Einzelfall.

Sind die Proteste das Gleiche wie die letzte "Deaf President Now"-Kampagne, die stattfand, weil eine hörende Person ernannt wurde, aber diesmal ist es eine taube Person?

Nein, sie sind nicht das Gleiche.

Während der ersten Anfänge der Proteste, d.h. die ersten Stunden nach der Bekanntgebung, sagten Leute, daß JK nicht "gehörlos genug sei", daß sie unnahbar sei, und daß "sie nicht hallo sagte". Es war und ist sehr schwierig, von den Eindrücken wegzukommen, daß es in den Protesten darum ging. [JK] schien lange Zeit zu glauben, daß es darum ging, und mir ging es zusammen mit einer Menge anderer Leute genauso. Es ist wahrscheinlich besser zu sagen, daß die Leute eine gehörlosenbezogene ("deaf-centric") Person wollen. Das bedeutet nicht unbedingt, daß es eine Person mit tauben Eltern usw. sein soll; es soll eine Person sein, die mehr Engagement und mehr Ermunterung für alle tauben Menschen zeigt, nicht nur diejenigen, die fließend Englisch können oder wie Hörende denken. JK ist eine kontroverse Persönlichkeit und nicht sehr kontaktfreudig (ich glaube, daß sie schüchtern und sozial unbeholfen ist; ich glaube nicht, daß sie das Böse verkörpert, wie man denken könnte, wenn man den Gerüchten auf dem Campus Glauben schenkt), und sie ist leichte Beute für Frustrationen usw., auch insbesondere, weil ihre Weise, ASL zu gebärden, dem Englischen sehr nahe ist.

JK wurde von IKJ aufgebaut, und er hat sie die ganze Zeit hinüber eindeutig als seine Nachfolgerin unterstützt. (Das ist nichts Verwerfliches, jede Führungspersönlichkeit wird einen Nachfolger für den Zeitpunkt aufbauen, wenn er oder sie zurücktritt, und das zieht nicht unbedingt ein mangelhaftes Suchverfahren mit sich. Breda brachte dies in einer früheren Nachricht auf dieser [Deafacademics-Mailingliste] brillant auf den Punkt.).

Es geht, laut einiger Protestteilnehmer, darum, welche Art von Gallaudet-Universität wir in der Zukunft haben werden, und wegen der Position der Universität in der U.S.-Gehörlosengemeinschaft und außerhalb, behaupten die Protestteilnehmer, daß es sich um ein Thema handelt, das alle Gehörlosen betrifft. Ich selbst bin hingegen nicht sicher, ob ich dem zustimmen kann. Die Diskussionen über das Thema "Identität" hier unterscheiden sich von denen in Europa. Hier reden sie über Gehörlosenbezogenheit (ähnlich Paddy [Ladd]s "Deafhood"), während es in Europa mehr um die Sprache geht (Gebärdensprachperson, Gebärdensprachgemeinschaft, usw.). Obwohl ich glaube, daß die Gallaudet-Universität eine bestimmte und wichtige Rolle in der Gehörlosenwelt einnimmt, ist ihre Stellung in den USA ganz sicher viel wichtiger als anderswo im Ausland.

ZeltstadtIm Vergleich zu DPN im Jahre 1988, wo ich zufälligerweise auch dabei war, handelt es sich hier um etwas ganz anderes. Die Proteste sind so vielschichtig, die Leute sprechen so viele Themen an, so viele Ziele und so viele Geschichten. Es gibt keine klaren Grenzen. Kein Schwarz und Weiß, nur jede Menge Grau. Es handelt sich sowohl um eine interne Führungsangelegenheit für die Gallaudet-Universität, als auch um soziale Gerechtigkeit, wie von den Protestteilnehmern behauptet. Es handelt sich um der Tat um eine interessante Geschichte - und keiner weiß, wie sie enden wird. Sie könnte einen Protest darstellen, der das Erbe der Selbstbestimmung, das DPN hervorgebracht hat, erweitert und stärkt. Oder sie könnte als Geschichte darüber enden, wie die Gallaudet-Universität mit internen Führungsfragen zu kämpfen hatte. Oder vielleicht geht es darum, wie gehörlose Leute sich selbst gegenüber der Welt oder einander selbst gegenüber darstellen? Der Protest ist vielschichtig und verfolgt mehrere Zwecke (auch wenn die FSSA steif und fest behauptet, daß es nur zwei Ziele gebe).

Ich schlage vor, daß Ihr einige der folgenden Blogs und Webseiten für mehr Informationen und andere Sichtweisen lest:

Hilde

10.5.2006 5:09 Vorsitzende des Kuratoriums tritt zurück

Celia May BaldwinCelia May Baldwin, die Vorsitzende des Kuratoriums, hat schriftlich ihren Rücktritt eingereicht.

"Nach vielen schlaflosen Nächten und viel Nachdenken während der letzten paar Tage, teile ich Ihnen zu meinem Bedauern mit, daß ich die Entscheidung getroffen habe, vom Kuratorium der Gallaudet-Universität zurückzutreten. Die Suche nach einem neuen Präsidenten und die Kontroverse, die dadurch enstanden ist, haben mir große Anspannung und großen Streß bereitet. Ich konnte die vielen aggressiven Drohungen, die ich während der letzten paar Wochen erhalten habe, einfach nicht mehr ignorieren. [...]"

Brenda Brueggemann wird neue vorläufige Vorsitzende des Kuratoriums. Mann kann wohl davon ausgehen, daß der Rücktritt der FSSA weiter den Rücken stärken wird. Andererseits sind die Gründe, die Celia Baldwin für ihren Rücktritt angegeben hat, sehr besorgniserregend. Für die Leute, die das vergiftete Klima der letzten Wochen mitbekommen haben, dürften sie keine Überraschung darstellen.

Es gibt auch ein paar Leute, die sich fragen, ob der Rücktritt nicht vielleicht einen Phyrrhussieg darstellt. Trotz aller heftiger Kritik am Kuratorium gilt Ms. Baldwin, selbst gehörlos, als ein engagiertes Mitglied der Gehörlosengemeinschaft. Manche meinen, daß sie am ehesten gegenüber den Bedenken der FSSA und der Protestteilnehmer aufgeschlossen war.

Voller Text des Briefes von Celia May Baldwin.

9.5.2006 7:45 Die Lage spitzt sich zu.

Wieder in Kürze, mit einem späterem ausführlichen Bericht: Die öffentliche Veranstaltung mit dem Kuratorium am Freitag, das von Celia May Baldwin und Dr. Tom Humphries vertreten wurde, endete in einem Fiasko. Eine provokative Frage von Dr. Lynn Jakobowitz, die belegen sollte, wie die Präsidentenwahl angeblich ein abgekartetes Spiel gewesen sei, endete mit stürmischem Beifall von Seiten der Protestteilnehmer und anschließendem Eklat.

Am Wochenende erhielten die Protestteilnehmer zusätzliche Unterstützung von NTID-Studenten und anderen Vertretern der Gehörlosengemeinschaft. Die Zeltstadt am Eingang wuchs immer mehr an.

Am Montag stimmte die Professorenschaft über fünf Resolutionen ab:

Artikel in der Washington Post.

Das Kuratorium reagierte mit einem Brief, in dem es seine Enttäuschung ausdrückte. Am 11. Mai wird sich das gesamte Kuratorium treffen. Es ist davon auszugehen, daß die Proteste als erstes Thema auf der Tagesordnung stehen werden.

9.5.2006 7:40 Mehr Bilder

Mehr Bilder vom 2.5.2006.

Mehr Bilder vom 3.5.2006.

5.5.2006 19:43 Celia May Baldwin und Tom Humphries kommen

Celia May Baldwin, die Vorsitzende des Kuratoriums, und Dr. Tom Humphries, ein Mitglied des Kuratoriums und namhafte Persönlichkeit in der Gehörlosenkultur, werden heute nachmittag zum Universitäts-Campus kommen. Um 18:00 abends werden sie in einer öffentlichen Veranstaltung Rede und Antwort stehen.

5.5.2006 6:00 Im Strudel der Emotionen

In Kürze, ausführlicher Bericht folgt später:

Der Mittwoch gab Anlaß zur Hoffnung, aber am Donnerstag war wenig davon zu merken. Die Protestteilnehmer forderten ein Treffen mit der Vorsitzenden des Kuratoriums binnen 24 Stunden, und um diese Forderung durchzusetzen, blockierten sie alle Eingänge zum Universitätscampus für jeglichen Verkehr. Nur Fußgänger durften durch. Als Folge davon gab es häßliche Zwischenfälle zwischen der Universitätsverwaltung und den Protestteilnehmern, und allgemein kochten die Emotionen auf beiden Seiten hoch. Beide Seiten leisteten sich Schnitzer, bei denen sie nicht gut da standen - die Protestteilnehmer bei der Art und Weise der Blockade und der Verbreitung von wilden Gerüchten, und die Universitätsverwaltung bei ihrer rüden Gangart, inklusive Androhung von Polizeiaktionen, die aber die Polizei in Washington D.C. nicht mitzumachen gewillt war.

Ein Lichtblick ist das geplante Bildtelefongespräch mit der Vorsitzenden des Kuratoriums. Einzelheiten werde ich bekannt geben, sobald ich sie erfahre.

Artikel in der Washington Post: Gallaudets nächste Präsidentin denkt nicht an einen Rücktritt

5.5.2006 4:53 Neuer Schwerpunkt: Einigkeit

Der Mittwoch könnte sich durchaus als der Dreh-und Angelpunkt der Protestaktionen entpuppen. Führen wir uns noch einmal die Situation am Dienstag abend vor Augen: Die Studenten hatten zwar erste Unterstützung von der Professorenschaft erhalten, aber immer noch Schwierigkeiten mit einer gemeinsamen Haltung. Es war ihrem Ansehen auch nicht eben förderlich, daß die ersten Protestaktionen sich so stark negativ gegen die Person Dr. Jane Fernandes richteten. Zudem zögerten viele Professoren und Mitarbeiter noch, Stellung zu beziehen. All dieses sollte sich am Mittwoch ändern, und zwar mit dem Beginn der Vollversammlung um 16:00 nachmittags, zu der alle Mitglieder der Universität sowie ehemalige Studenten eingeladen waren.

Etwa 1000 Leute versammeln sich

Das Interesse an der Versammlung, die in der Sporthalle statt fand, war enorm. Während der Proteste waren wohl maximal 300-400 Leute gleichzeitig anwesend gewesen, aber auf der Versammlung erschienen - anhand grober Schätzungen über die Sitzauslastung - etwa 1000 Leute. Die Studentenführer stellten sich dem Publikum erneut vor und erklärten, daß die Professoren, Studenten, Mitarbeiter und ehemaligen Studenten (FSSA - Faculty, Students,.Staff, Alumni) die Nacht durchgearbeitet und durchdiskutiert hätten, um ihre gemeinsame Haltung auszuhämmern.

Einigkeit! Gemeinschaft! Vielfalt!

Ab sofort sollten die Protestaktionen unter einem neuen Slogan stehen: Einigkeit an der Gallaudet-Universität. Diesem Punkt wurde gleich durch eine Sketch-und Tanzeinlage nochmals mehr Gewicht verliehen, mit einem passendem Logo dazu. Einigkeit! Gemeinschaft! Vielfalt!Dann erklärten die Studentenführer, daß die langen Diskussionen und Suche nach den Hintergründen der Misere ihnen klar gemacht hätte, daß es eigentlich gar nicht um die Person Dr. Jane Fernandes ginge, sondern daß der gesamte Suchvorgang von Anfang an gravierende Probleme aufwies. Diese Ansicht wurde gleich im Anschluß von Vertretern der Professorenschaft und einem offenen Brief des amerikanischen Gehörlosenbundes (NAD, National Association of the Deaf) bestätigt, der die Bedenken der Beteiligten unterstützte.

Diese neue Haltung bedeutet praktisch eine Kehrtwende in Bezug auf die Ziele und Vorgehensweise der Protestaktionen. Passend dazu stellten die Studentenvereinigungen einen gemeinsam verfaßten offenen Brief an das Kuratorium vor, in dem die Kritik am Suchvorgang detailliert aufgezeigt wurde, unter anderem die Wahl der Beratungsfirma für die Suche, die mangelnde Beteiligung, die mangelnde Vielfalt, die unzureichende Antwort des Kuratoriums auf die Bedenken bezüglich der Vielfalt, und so weiter. Die Forderungen lauteten nun, daß der Suchvorgang von Anfang an neu aufgerollt werden sollte, und daß keine Vergeltungsmaßnahmen gegen die Protestteilnehmer ergriffen werden sollten. Des weiteren betonten die Studenten, daß sie nicht nachgeben würden.

Zum Abschluß wurde nochmals zur Einigkeit aufgerufen. Cheerleader hielten das Publikum dazu an, den Slogan " Einigkeit an der Gallaudet-Universität" nachzugebärden. Pikanterweise hatte ein Mädchen unter den Cheerleadern immer noch das Anti-Fernandes-T-Shirt mit dem Slogan "Know Thy Enemy" ("Kenne Deinen Feind") an. Ob das nun wohl so gut zu dem neuen Thema "Einigkeit" paßt?

Dr. Fernandes und Dr. Jordan auch dabei

Dr. Fernandes und Dr. Jordan waren beide bei der Versammlung anwesend. Im Anschluß, als das Publikum langsam auseinanderzudriften begann, sah ich, wie Dr. Jordan mit einem Studentenführer ins Gespräch kam. Er sieht die Proteste als Auswirkungen einer normalen Identitätsentwicklung der Gehörlosen an, eine Ansicht, die auch von Soziologen geteilt wird.

Ein Student stellte Dr. Fernandes im Eingangsbereich der Sporthalle eine Frage. Ehe man es sich versah, bildete sich eine Menschentraube um Dr. Fernandes herum, und was als ein privates Gespräch begann, wandelte sich in eine öffentliche Fragestunde um. Ich kam wegen meiner Gespräche mit anderen Leuten erst am Schluß dazu, aber eine Antwort von Dr. Fernandes schlug in die gleiche Kerbe wie Dr. Jordan. Auf die Frage, ob sie an einen Rücktritt gedacht hätte, sagte sie (sinngemäß): "Nein, ich werde nicht zurücktreten. Die Proteste sind ein Zeichen dafür, daß die Gehörlosengemeinschaft gesund ist und sich weiterentwickelt. Ich habe vor, an dieser Entwicklung beteiligt zu sein." Eine andere Frage betraf die Fairness des Suchvorganges, woraufhin Dr. Fenandes nochmals bekräftigte, daß er us ihrer Sicht vollkommen fair gewesen sei, und daß alle Bewerber sich strengen Begutachtungen haben unterziehen müssen.

Bilder vom 3.5.2006.

Andere Ereignisse auf dem Campus

Die Vollversammlung kann als erster positiver Schritt betrachtet werden, um die Pattsituation zwischen den Protestteilnehmern und der Universitätsverwaltung aufzulösen. Es bleibt abzuwarten, ob die neue Richtung der Proteste aber reicht, um die heftigen persönlichen Attacken auf Dr. Fernandes und das allgemein negative Klima wettzumachen

Es gab im Laufe des Tages auch noch andere Ereignisse auf dem Campus. Die Studenten hatten nach wie vor den Haupteingang blockiert. Im Vergleich zum Vortag waren erheblich mehr Autos zu sehen, so daß anzunehmen ist, daß die Blockade der anderen Eingänge gelockert worden war. Im Vergleich zum Vortag waren auf dem Rasen neben dem Haupteingang doppelt so viele Zelte und ein Grill. Es scheint, daß mehr und mehr Studenten dort die Nacht verbringen. Ryan Commerson, dem Hausverbot erteilt wurde, harrt auf einem Klappstuhl am Haupteingang, knapp außerhalb des Universitätsgeländes, aus.

Die Washington Post veröffentlichte einen zweiten Artikel über die Situation an der Gallaudet-Universität. Dr. Jane Fernandes stellte sich in der Mittagspause einem Online-Interview auf der Website der Washington Post, in dem jeder Fragen einreichen konnte, die dann nach einer Vorauswahl der Redaktion an Dr. Fernandes weitergeleitet wurden. Kritiker unter den Studenten meinten, daß Dr. Fernandes wirklich schwierige Fragen einfach ignoriert habe. Bridgetta Bourne-Firl, eine der vier studentischen Leiterinnen der DPN-Bewegung anno 1988, ist anscheinend auf dem Weg von Kalifornien nach Washington D.C., um die Proteste vor Ort zu unterstützen. Um Mitternacht bildeten etwa 200 Studenten am Haupteingang eine Lichterkette.

Die Rolle der neuen Medien

Die Studenten und andere Protestteilnehmer haben gegenüber 1988 einen großen Vorteil. Das Internet ist überall zugänglich, und viele Leute auf dem Campus besitzen einen Sidekick oder ein anderes vergleichbares Gerät. Informationen können in Sekundenschnelle abgerufen und weitergereicht werden, darunter auch spontane Bilder, die mit dem Sidekick aufgenommen werden. Niemandem bleibt lange verborgen, was anderswo auf dem Campus und außerhalb gerade passiert. Die Kehrseite der Medaille ist, daß Gerüchte sich in Windeseile weiterverbreiten, ohne Rücksicht auf ihren Wahrheitsgehalt.

Links:
Online-Fragen und Antworten in der Washington Post
Neuer Artikel in der Washington Post
Blog aus Studentensicht
DeafDC-Blogs
Bildergalerie von diversen Protestteilnehmern
Offener Brief der Studentenvereinigungen an das Kuratorium
Brief der NAD

4.5.2006 5:35 Proteste, Gespräche und Organisation

Studenten haben die Nacht am Haupteingang verbrachtDer Montag stand ganz im Zeichen ungezügelter und wenig organisierter Protestaktionen. Am Dienstag gab es erste Zeichen von Organisation von Seiten der Präsidenten der studentischen Selbstverwaltung (SBG), der Graduiertenvereinigung (GSA), der Vereinigung farbiger tauber Studenten (BDSU), der Vereinigung asiatischer Studenten und der Vereinigung der Latinos. Berichten zufolge sollen sie den Großteil der Nacht damit verbracht haben, eine gemeinsame Haltung auszufeilen, während Studenten sich um Mitternacht erneut am Haupteingang zu einer Protestaktion versammelten. Das Resultat der Sitzungen der Studentenvereinigungen waren zwei Forderungen:

  1. Dr. Jane Fernandes soll zurücktreten und der Suchprozeß soll von vorne beginnen.
  2. Keine Vergeltungsaktionen oder sonstige Nachteile für die Beteiligten.
Autoblockade aller Eingänge

Blockade und Probleme

Kennern von DPN wird insbesondere die zweite Forderung bekannt vorkommen, ebenso die Aktion der Studenten am nächsten Morgen: die Blockade aller drei Eingänge in die Gallaudet-Universität. Der Haupteingang war von der Universitätspolizei für Autoverkehr gesperrt worden, und an den beiden anderen Eingängen sorgten Studenten mit ihren Autos dafür, daß nur Fußgänger hinein konnten. Am Haupteingang waren etliche Zelte aufgeschlagen, in denen einzelne Studenten die Nacht verbracht hatten. Andere Studenten hatten auf Matten mitten auf der Zugangsstraße zur Universität am Eingang übernachtet, alles unter den wachsamen Augen der Polizei.

Im Laufe des Tages begann sich abzuzeichnen, daß die protestierenden Studenten vor zwei gravierenden Problemen standen. Erstens war die Beteiligung an den Protestaktionen eher mäßig - mehr als 300 Studenten waren nicht zur gleichen Zeit am Eingang versammelt. Zweitens gab es trotz der Nachtschichten der Beteiligten noch keine Einigkeit über die Ziele. Eine Zeitlang sah es sogar so aus, als ob die farbigen Studenten in der BDSU ausscheren würden. Die BDSU hatte sich lange vor der Ernennung von Dr. Fernandes schon über die anscheinende Nichtbeachtung der Rassenvielfalt beklagt und fühlte sich von den anderen Vereinigungen übergangen. Etliche Mitglieder der BDSU waren strikt gegen den Endkandidaten Mr. Ronald Stern gewesen, weil er, obwohl er keinen Doktortitel hat, in die Endauswahl kam und Dr. Glenn Anderson nicht.

Auftritt von Dr. Jane Fernandes und Dr. I. King Jordan

Die Situation verschärfte sich weiter gegen Nachmittag, als plötzlich die Präsidenten der Studentenvereinigungen zusammen mit dem Präsidenten der Gallaudet-Universität, Dr. I. King Jordan, und der Nachfolgerin Dr. Jane Fernandes am Eingang erschienen. Die Studentenführer teilten der wartenden Menge mit, daß sie etwa 1 1/2 Stunden lang mit Dr. Jordan und Dr. Fernandes im Gespräch gewesen seien, und daß sie jetzt gemeinsam weitere Informationen mitteilen würden und sich anschließend den Fragen der Studenten stellen würden. Dr. I. King Jordan erklärt den Suchvorgang

Entscheidung des Kuratoriums ist endgültig

Zuerst stellten sich alle beteiligten Anführer der Studenten vor, dann ergriff Dr. I. King Jordan das Wort. Er erklärte nochmals die Einzelheiten des Suchvorganges und betonte ausdrücklich, daß er sich bis zum Schluß aus der Suche nach einem neuen Präsidenten herausgehalten habe. Er sagte weiterhin, daß er die drei Kandidaten erst ganz am Ende interviewt habe. Zur Entscheidung sagte er, daß das Kuratorium ihm die Ernennung von Dr. Fernandes mitgeteilt habe, und ihn dann gefragt habe, ob sie zu Protesten führen würde. Dies habe Dr. Jordan bejaht und dann im Gegenzug gefragt, ob die Entscheidung des Kuratoriums endgültig sei. Ja, das sei sie, ohne Wenn und Aber, und daran sei nicht mehr zu rütteln, egal was sonst noch passiere. Dann schloß Dr. Jordan mit den Worten ab, daß der Suchvorgang stets fair gewesen sei, und daß der die Vertreter der Studentenvereinigungen davon habe überzeugen können. Er fragte dann gezielt David King, einen Vertreter der BDSU, ob das stimme. David antwortete - nach kurzem Zögern -, daß das stimme, aber seine Haltung machte den Eindruck, als ob ihm irgend etwas noch nicht recht sei. Dr. Jane Fernandes, designierte Präsidentin

Unterschiedliche Rollen des Präsidenten und des Kanzlers

Dann war Dr. Fernandes an der Reihe. Sie sagte, daß die Rolle des Präsidenten und des Kanzlers sehr unterschiedlich seien, und daß ein Kanzler normalerweise im Hintergrund arbeitet, mit wenigDavid King, Vertreter der BDSU täglichem Umgang mit den Studenten. Es sei ihr klar, daß der Präsident sich sehr viel mehr der Öffentlichkeit stellen müsse, und daß sie während der Übergangszeit daran arbeiten würde, zugänglicher zu sein und mehr den Dialog mit den Studenten, der Professorenschaft und anderem Mitarbeiten zu suchen. Insgesamt war ihre Rede sehr kurz, und am Ende blickte sie sich nach hinten zu den Vertretern der Studentenvereinigungen um, so als ob sie von ihnen einen Kommentar erwartete, und fuhr hinterher mit einigen weiteren Sätzen fort.

Wurden die Studenten ignoriert?

Gleich im Anschluß standen die Studenten Schlange, um Fragen zu stellen. Eine der ersten Fragen war, warum das Kuratorium die Meinung der Studenten ignoriert habe, wo sie doch auf den Rückmeldeformularen (siehe Hintergrundinfos) so eindeutig gegen die Ernennung von Dr. Fernandes geäußert hätten. Dr. Jordan antwortete, daß das Kuratorium einen riesigen Stapel dieser Formulare erhalten habe, die Nacht durchgearbeitet habe, um jeden Kommentar gründlich zu lesen, und dann die Entscheidung getroffen habe. "Das Kuratorium hat Eure Meinung nicht ignoriert. Es ist einfach anderer Meinung als Ihr." Dazu gab er zu bedenken, daß das Kuratorium viele weitere Informationen über die Kandidaten besitze, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich seien und über die nicht einmal er selber - der jetzige Präsident der Universität - Bescheid wisse. Außerdem: Das Kuratorium wird nicht am 11. Mai kommen, um mit den Studenten zu reden, da die Entscheidung endgültig sei, und die nichtöffentlichen Informationen sowieso nicht preisgeben dürfe. Großes Interesse an der Diskussion mit Dr. Jordan und Dr. Fernandes

Warum erst jetzt?

Dr. Fernandes bekam, genauso wie schon zu ihrem offenen Vortrag, die Frage vorgesetzt, warum sie sich erst jetzt darum bemühe, die Beziehungen zu den Studenten zu verbessern. Sie gab im Prinzip die gleiche Antwort, fügte aber hinzu, daß sie als Kanzlerin einige schwierige, aber bitter notwendige, Entscheidungen treffen mußte. Sie habe dabei stets die Interessen der Studenten im Auge gehabt, und unterstütze ASL voll und ganz. Sie wollte zu keinem Zeitpunkt überheblich wirken, und wenn sie so aufgefaßt worden wäre, tue ihr das leid, das sei nicht ihre Absicht gewesen.

Dies ist nicht DPN!

Dr. I. King Jordan gab zu bedenken, daß er am Anfang seiner Karriere als Präsident ein totaler Grünschnabel gewesen sei und auch keine Ahnung von selbstsicheren Auftritten in der Öffentlichkeit gehabt habe. Dies habe er sich erst im Laufe der Jahre angeeignet, und daß die Mitglieder der Universität Dr. Fernandes doch bitte die gleiche Chance wie ihm geben sollten. Später sagte er dann noch etwas, was vielen Studenten gar nicht geschmeckt haben kann (sinngemäß): "Bei DPN ging es nie um mich, es ging stets darum, einen tauben Präsidenten zu ernennen. [...] Hier scheint es nicht um die Fairness des Suchverfahrens zu gehen, sondern um persönliche Abneigungen gegen Dr. Fernandes. [...] Dies ist etwas ganz anderes als DPN damals im Jahre 1988. Damals war der Unterschied zwischen Recht und Unrecht eindeutig, es ging um Gehörlose gegen Hörende. Aber diesmal geht es um Gehörlose gegen Gehörlose, und ich fühle, daß das Verhalten der Leute hier eine Beleidigung der DPN-Bewegung darstellt." Chris Corrigan: J.K. ist nicht akzeptabel. PUNKT!

Pattsituation

Harte Worte vom Präsidenten. Während der Diskussionen mit Dr. Jordan und Dr. Fernandes meldeten sich zwei Studentenführer zwischendrin zu Wort. Tara Holcomb fragte, ob die Studenten ihre Ideale schon vergessen hätten, und daß der Protest weitergehen müsse, daß die Studenten nicht aufgeben würden. "Zurück zum Eingang!" Chris Corrigan wiederholte: "J.K. ist nicht akzeptabel. PUNKT!"

So standen die Dinge: Keine Seite war gewillt, auch nur um einen Millimeter nachzugeben. Die Studenten hatten immer noch Probleme, eine einheitliche Linie zu finden, ob es nun gegen Dr. Fernandes, um die Fairness des Suchverfahrens, um einen guten Repräsentanten für die Gehörlosenkultur Die Forderungen der Studentenoder um etwas anderes ginge. Viele begannen sich zu fragen, ob den Protestteilnehmern nicht langsam die Luft ausginge.

Neue Impulse

Neue Impulse kamen am späten Nachmittag. Tawny Holmes verkündete, daß laut einer zuverlässigen Quelle das Suchkomitee Dr. Fernandes nicht als Präsidentin empfohlen hätte, das Kuratorium sich aber über die Wünsche des Komitees hinweggesetzt hätte. Viele Teilnehmer waren offenbar gewillt, dieser Aussage Glauben zu schenken, aber es ist unmöglich zu sagen, ob sie wahr ist oder aus der Gerüchteküche stammt, da alle Mitglieder des Komitees einer strengen Schweigepflicht unterliegen. Wenn sich jemand tatsächlich über diese Schweigepflicht hinweggesetzt hätte, würde das großen Ärger nach sich ziehen.

Für das Anliegen der Studenten war erheblich wichtiger, daß die Professorenschaft des Bereiches für berufliche Fortbildung Stellung nahm und sich auf die Resolution des Gremiums für Vielfalt und Personenvermittlung bezog. In einer neuen Resolution legte sie Dr. Fernandes nahe, freiwillig zurückzutreten. Dem Kuratorium wurde nahegelegt, die Suche nach einem Präsidenten erneut zu starten.

Ausharren

Wie auch schon in der Nacht zuvor, harrten einige Studenten die ganze Nacht über am Haupteingang aus. Die Studentenvertreter arbeiteten weiterhin an einer gemeinsamen Haltung und an den nächsten Schritten. Für den Mittwoch um 16:00 wurde eine Vollversammlung beanraumt, zu der alle Professoren, Studenten, Mitarbeiter und ehemalige Studenten eingeladen wurden.

Resolution der Professorenschaft des Bereiches für berufliche Fortbildung.

Bildergalerie

2.5.2006 8:21 Proteste anläßlich der Ernennung von Dr. Jane Fernandes

Ungläubiges Staunen einiger Studenten auf die Wahl von Dr. FernandesAm 1. Mai 2005 um 12:50 Ortszeit machte eine E-Mail aus Gallaudets Büro für Öffentlichkeitsarbeit die Runde: Um 14:30 sollte der Name des neuen Präsidenten bekannt gegeben werden. Das Interesse war enorm; schließlich stellt die Ernennung des Präsidentens die wichtigste Entscheidung der Gallaudet-Universität in Jahrzehnten dar. Noch schwerer ins Gewicht fällt, daß es sich um die erste Ernennung eines neuen Präsidentens seit der berühmten DPN-Bewegung im Jahre 1988 handelte. Das Auditorium, in dem die Entscheidung bekannt gegeben werden sollte, war viel zu klein, und somit mußten sich viele Leute sich mit einer Übertragung auf Großleinwand in anderen Räumlichkeiten zufrieden geben.

Der 9. Präsident der Universität

Celia May Baldwin, die derzeitige Vorsitzende des Kuratoriums, begrüßte das Publikum und dankte Linda Jordan, der Frau des scheidenden Präsidenten, und dem 8. Präsidenten der Gallaudet-Universität, Dr. I. King Jordan. Während die Spannung ins Unermeßliche wuchs, wies sie darauf hin, daß die Entscheidung dem Kuratorium wegen der Stärke der drei Endkandidaten sehr schwer gefallen sei, aber am Ende einstimmig war: "Ich teile Euch mit, daß der 9. Präsident dieser Universität Dr. Jane Fernandes sein wird."

Eklat

Dr. Fernandes bedankt sichDann kam es zu einem handfesten Eklat: Für einen kurzen Augenblick schwiegen viele Studenten schockiert, aber die Reaktionen kamen unmittelbar hinterher. Viele sprangen auf und fingen an, das Auditorium und die anderen Räumlichkeiten zu verlassen, ehe Dr. Fernandes mit ihrer Dankesrede auf dem Podium anfangen konnte. In dem ganzen Gewühl war es schwierig, ihrer Rede zu folgen, aber ich konnte so viel mitbekommen, daß sie in ihren eigenen Worten "in Demut vor der Entscheidung des Kuratoriums dastand und sich geehrt fühlte."

Die Studenten sammeln sichWie sich später herausstellte, wurde Ryan Commerson, ein ehemaliger Student an der Gallaudet-Universität, kurzerhand von der Unipolizei aus dem Auditorium geführt, weil er die Rede von Dr. Fernandes gestört haben solle. Gleich im Anschluß wurde ihm Hausverbot erteilt, was ihn aber nicht davon abhielt, unmittelbar außerhalb des Unigeländes am Haupteingang mitzuprotestieren.

Proteste

Die Reaktion vieler Studenten draußen war unmittelbar und heftig. Nach einer kurzen Sammelphase zogen die Teilnehmer kurzerhand zum Haupteingang, um dort eine Blockade a la DPN 1988 zu beginnen. Dabei zeigte sich auch, daß es vielen Studenten gezielt darum geht, daß Dr. Fernandes nicht Präsidentin wird, und daß sowohl Dr. Stephen Weiner als auch Mr. Ronald Stern akzeptabel wären. In diesem Sinne lauteten die beiden deutlichsten Slogans der Studenten auch:Blockade des Haupteinganges

Better President Now!Während der spontanen Proteste war deutlich zu merken, daß die protestierenden Studenten in erster Linie gemeinsam hatten, daß sie gegen die Ernennung von Dr. Fernandes waren. Die einzige konkrete Forderung war, daß das Kuratorium sich mit den Studenten in einer Erklärung auseinandersetzen sollte, die prompt für den 11. Mai anberaumt wurde (allerdings nach dem letzten Vorlesungstag, wenn viele Studenten normalerweise schon in der Sommerpause weg wären). Ansonsten kamen viele Vorschläge und Themen zu Tage, wie zum Beispiel:

Jane sagt niemals hallo!He Kuratorium: Seid Ihr taub??Unterstützung kam auch von den "Veteranen" der DPN-Bewegung im Jahre 1988. Sie standen den Studenten mit Rat und Tat zur Seite, insbesondere mit dem Hinweis, die Dinge nicht aus der Hand gleiten zu lassen und sachlich zu bleiben. Das hinderte leider aber einige Leute nicht daran, teilweise Plakate und Transparente mit Sprüchen zu verfassen, die unter die Gürtellinie gingen (siehe auch die Bildergalerie zum Thema).

Bis auf den Rausschmiß von Ryan Commerson verliefen die Proteste ohne Zwischenfälle. Die Universitätspolizei riegelte den Haupteingang mit mehreren Fahrzeugen ab und begnügte sich damit, ein Auge auf die Proteste zu halten. Das Fernsehen war in der Form von Fox News und einem anderen Sender vertreten, den ich nicht identifizieren konnte. Die Sender führten Interviews mit Noah Beckman, dem Präsidenten der studentischen Selbstverwaltung, und Alexander Zernovoj, dem Präsidenten der Graduiertenvereinigung (Masters-Studenten und Doktoranden). Beide legten offen, daß die Studenten vorerst ein Gespräch mit dem Kuratorium wollten, und daß sie eventuelle andere Forderungen noch diskutieren würden. (Anscheinend haben sich die Studentenführer aber jetzt in der Nacht zusammen gesetzt und sich auf eine gemeinsame Linie geeinigt, die am Dienstag verkündet werden soll.)

Und jetzt?

Wie es jetzt weiter geht, ist schwer abzusehen.Ausharren über Nacht Am Ende des Tages hatten die Studenten vor, die ganze Nacht am Haupteingang auszuharren, mit einer erneuten Protestaktion um Mitternacht und einer weiteren Aktion am Dienstag um 8 Uhr morgens. Es wird viel davon abhängen, ob die verschiedenen Studentengruppierungen sich auf eine gemeinsame Haltung einigen können, insbesondere mit den Organisationen für farbige Studenten, Latinos und Asiaten. Letztgenannte Organisationen hatten sich auf die fehlende Vielfalt unter den Endkandidaten konzentriert, während es in den Protesten heute eher gezielt gegen die Person Dr. Fernandes ging.

Es ist auch unklar, inwieweit sich die Professorenschaft beteiligen wird. Meinungsumfragen zufolge waren sowohl die Professorenschaft als auch die Studenten deutlich gegen Dr. Fernandes als Präsidentin. Unter den Studenten sollte weiterhin eine deutliche Mehrheit für Mr. Stern zu Tage getreten sein, während unter der Professorenschaft Dr. Weiner knapp die Nase vorn hatte. Es liegen aber nicht genug Informationen vor, um zu beurteilen, wie repräsentativ diese Umfragen waren.

Siehe hier eine Menge mehr Bilder.

1.5.2006 23:43 Alea iacta est: Dr. Jane Fernandes wird neue Präsidentin

Die Würfel sind gefallen: Dr. Jane Fernandes wird neue Präsidentin der Gallaudet-Universität. Herzlichen Glückwunsch, Dr. Fernandes! Oder ... ? Wie zu erwarten war, gibt es massive Proteste von Seiten der Studenten. Sie haben den Haupteingang zur Universität blockiert und sich die Slogans "Jane Fernandes ist nicht akzeptabel" und "Better President Now" zu eigen gemacht. Vorerst hat sich eine klare Forderung der Studentenführer herauskristallisiert: Sie wollen ein Treffen mit dem Kuratorium. Wie es weiter geht und welche Forderungen noch dazu kommen, ist bisher noch nicht klar.

Artikel in der Washington Post.

Ein ausführlicher Bericht mit Bildern folgt in Kürze.

1.5.2006 19:00 Entscheidung über den neuen Präsidenten um 14:30

Die Vorsitzende des Kuratoriums, Celia May Baldwin, wird die Entscheidung über den neuen Präsidenten heute um 14:30 Ortszeit bekannt geben (20:30 deutsche Zeit), rechtzeitig zum letzten Vorlesungstag des Frühjahrssemesters. Wer wird der 9. Präsident der Gallaudet-Universität? Dr. Stephen Weiner, Mr. Ronald Stern oder Dr. Jane Fernandes? Wir bleiben dran ...

Siehe auch die Fotos und Bewerbungsschreiben der drei Endkandidaten.

1.5.2006 19:07 Stellungnahme des Kuratoriums

Das Kuratorium hat offiziell Stellung zu den Vorwürfen bezogen, daß nicht genug Rücksicht auf Vielfalt unter den Kandidaten genommen wurde. In einer Nachricht vom 28. April 2006 kündigte die Vorsitzende des Kuratoriums, Celia May Baldwin, an, daß das Kuratorium die Einzelheiten des Suchverfahrens mit dem Suchkomitee besprechen würde. Nach langen Diskussionen zwischen dem Kuratorium und dem Komitee am 29. April wurden weitere Details bekanntgegeben. Das Kuratorium ist davon überzeugt, daß die Suche korrekt und gerecht verlaufen ist:

Des weiteren hofft das Kuratorium, daß deren endgültige Entscheidung mit vereinten Kräften mitgetragen wird.

Erste Stellungnahme des Kuratoriums vom 28.4.2006.
Ausführliche Erklärung vom 29.4.2006.

27.4.2006 15:18 Gegenresolution von der Professorenschaft

Anscheinend gibt es in der Professorenschaft Widerstand gegen die Resolution, laut der die Kandidaten erneut begutachtet werden sollen. In einer Gegenresolution, die heute verabschiedet wurde, wird darauf hingewiesen, daß nur 35 Professoren für die ursprüngliche Resolution gestimmt hätten. Die neue Resolution sichert dem Suchkomitee Rückendeckung zu. Des weiteren erkennt sie an, daß Dr. Glenn Anderson bis unter den letzten 6 Kandidaten zur Auswahl stand und mildert die Bedenken über den Suchprozeß.

Voller Text der neuen Resolution.

27.4.2006 5:17 Offener Vortrag von Jane Fernandes

Heute fand der offene Vortrag von Dr. Jane Fernandes statt, der dritten und letzten der drei Kandidaten in der Endauswahl. Da Dr. Fernandes derzeit den Kanzlerposten an der Gallaudet-Universität innehat (siehe auch die Hintergrundinformationen), war zu erwarten, daß sie sich ganz besonders auf akademische Gesichtspunkte konzentrieren würde. Der Vortrag liegt erst wenige Stunden zurück, und somit gibt es noch nicht viele Reaktionen aus der Gehörlosengemeinschaft. Anscheinend hat Dr. Fernandes es aber geschafft, mindestens ein paar Kritiker umzustimmen.

Wenn die Präsidentenwahl danach ginge, wer von den drei Kandidaten die beste Zukunftsvision davon hat, wie es akademisch mit Gallaudet weitergehen sollte, wäre Dr. Fernandes die eindeutige Siegerin, genauso wie Mr. Stern in puncto Beliebtheit, Inspiration und rhetorischen Fähigkeiten der eindeutige Sieger wäre. Sie hob hervor, welche Schritte die Universität derzeit unternimmt, um das Wissen über die Themen Taubheit, Gehörlosenkultur und visuelle Kommunikation zu fördern, unter anderem durch große Forschungsanträge und den Neubau des Sorenson Language and Communication Centers. Die Website über dieses neue Zentrum diente zugleich als Beispiel für ihre Vision über die Zukunft an der Gallaudet-Universität: alle Inhalte sind komplett als ASL-Videos, untertitelt und auf Englisch verfügbar.

Eine weitere provokative Idee, die wohl nicht nur auf Zustimmung stoßen wird, ist, daß Studenten, die noch nicht auf das Niveau von Universitäten vorbereitet sind, sich erst in sogenannten Community Colleges in Zusammenarbeit mit Gallaudet vorbereiten sollten, bevor sie an der Universität zum Studium zugelassen werden. (Anmerkung der Redaktion: "Gemeindehochschulen", ähnliches Konzept wie Volkshochschulen in Deutschland, aber mit geregelten Abschlüssen und Tageskursangeboten.) Sie führte dazu Statistiken über die Erfolgs-und Mißerfolgsraten von Studenten mit verschiedenen Bildungshintergründen an. Das Ziel ist, die Aufnahmevoraussetzungen an der Gallaudet-Universität zu steigern und somit Professoren von der Aufgabe zu befreien, Schulwissen vermitteln zu müssen. Dies wiederum soll einen Anstieg des akademischen Niveaus zur Folge haben.

Dr. Fernandes ging ausführlich auf Audismus und Rassismus an der Universität ein. Es gebe noch viel Nachholbedarf. Die Eckpfeiler der geplanten Verbesserungen sind unter anderem: ASL und Englisch sollen gleichberechtigt behandelt werden, Studenten sollen sich ungeachtet ihres Hintergrundes, Hörstatus und ihrer Hautfarbe willkommen fühlen, die verschiedenen Fachbereiche sollen besser interdisziplinär zusammenarbeiten, visuelle Medien müssen Vorrang bekommen, Gehörlosenkultur muß respektiert werden, und das Leistungsgefälle zwischen weißen und farbigen Studenten muß eliminiert werden.

Da Dr. Fernandes, wie in den Hintergrundinformationen erläutert, auf dem Campus sehr unbeliebt ist, mußte sie sich vielen harten und teilweise sogar unfairen Fragen stellen. Sie gab zu, daß es viele Probleme mit ihrem Verhältnis zu Studenten gibt, und daß sie hart daran arbeiten müsse, ihr Verhältnis zu verbessern. Sie betonte auch, daß sie ständig von den Studenten lerne und weiter lernen müsse. Daraufhin bekam sie die Frage vorgesetzt, warum sie denn damit erst jetzt, wo sie Präsidentschaftskandidatin ist, angefangen habe, mit der Antwort, daß sie schon immer ständig daran gearbeitet habe.

Allgemeine Erheiterung und Beifall gab es, als ein achtjähriger Junge fragte: "Wie würden Sie die Kendall-Grundschule verbessern?", worauf die Gegenfrage von Dr. Fernandes kam: "Was sollte denn Deiner Meinung nach verbessert werden?" - "Ja, weiß ich nicht!" - "Möchtest Du mehr Ausstattung auf den Spielplätzen haben? Oder geht es Dir um die Bildung?"

Trotz der Härte der Fragen blieb Dr. Fernandes sachlich, und schaffte es, ihre Zukunftsvision deutlich und auch unter Zustimmung darzustellen. Ihre große Schwäche ist nach wie vor, daß sie auf dem Campus sehr unbeliebt ist und viele Feinde hat, obwohl es einen ersten positiven Schritt darstellt, daß sie ihre Probleme offen zugegeben hat. Im Vergleich zu Mr. Stern besitzt sie auch weniger Ausstrahlung und Selbstsicherheit in Vorträgen, was sie aber durch ihre fachliche Kompetenz zumindestens teilweise wieder wett macht. Die Suche nach einem neuen Präsidenten bleibt also weiter spannend.

26.4.2006 14:35 Resolution der Professorenschaft

Nun hat auch die Professorenschaft eine offizielle Resolution verfaßt, die in die gleiche Kerbe wie die Studenten und das Gremium für Vielfalt schlägt. Sie bemängelt, daß die Professorenschaft nicht genug Zeit für Gespräche mit den Kandidaten zugeteilt bekommen habe. Des weiteren fordert sie in der Resolution, daß die Entscheidung bis zum Herbst verschoben wird und daß die Kandidaten erneut auf Vielfalt hin begutachtet werden.

Voller Text der Resolution.

Aktualisierung am 27.4.2006: Siehe die Gegenresolution.

26.4.2006 5:25 Neustart der Präsidentensuche verlangt

Vielfalt, sowohl Rassen- als auch ethnische Vielfalt, mausert sich zum Hauptthema der Kritiker unter den Studenten, der Professorenschaft und anderen Mitarbeitern. Diese bekommen nun Unterstützung von schweren Geschützen. Das Gremium für Vielfalt und Personenvermittlung, das dem Bereich für berufliche Bildung an der Gallaudet-Universität untersteht, hat einen offenen Brief an das Universitätskuratorium und das Suchkomitee verfaßt. In diesem Brief werden die mangelnde Transparenz des Suchverfahrens und die mangelnde Rassenvielfalt unter den drei verbleibenden Kandidaten bemängelt. (Anmerkung der Redaktion: Das Kuratorium trifft die endgültige Entscheidung darüber, wer Präsident wird.)

Der eigentliche Hammer ist aber dies:

"In Anbetracht dessen, daß dieses Ereignis die wichtigste Entscheidung darstellt, die unsere Gemeinschaft für viele Jahre treffen wird, regen wir höflichst an, daß das Suchkomitee und das Kuratorium folgende Handlungen in Betracht ziehen:

  1. Alle Kandidaten sollten erneut aus einer multikulturellen Sicht begutachtet und in Betracht gezogen werden. Die Notwendigkeit einer größeren Rassen- und ethnischen Vielfalt unter den Kandidaten in der Endauswahl muß erkannt werden, und dementsprechend sollte gehandelt werden.
  2. Der gesamte Prozeß sollte auf Fairness hin untersucht werden. Entsprechend der Werte und Ziele sozialer Gerechtigkeit sollten Änderungen vorgenommen werden. Wir stehen individuell und gemeinschaftlich in der Verantwortung, daß alle Personen gleich behandelt werden, und daß diskriminierende Handlungen jeglicher Art unterbunden werden.

Wir danken für Ihre Zeit und Aufmerksamkeit."

Voller Text des Briefes.

Diese Aktion verleiht den Protesten der Universitätsgemeinschaft deutlich mehr Gewicht als bisher, da das Gremium aus namhaften Vertretern der Professorenschaft besteht. Es bleibt abzuwarten, ob sie einen Einfluß auf die Präsidentensuche haben wird.

Noch ein Plakat zur Vielfalt
Vielfalt mausert sich zum Hauptthema der Kritiker.

26.4.2006 2:35 Offener Vortrag von Ronald Stern

Am Freitag, dem 21. April 2006, fand der offene Vortrag von Mr. Ronald Stern statt, dem zweiten der drei Kandidaten in der Endauswahl. Auch die ärgsten Kritiker von Mr. Stern mußten zugeben, daß er sich auf den Vortrag hervorragend vorbereitet hatte und das Publikum begeistern konnte. Wenn die Präsidentenwahl ein reiner Wettbewerb darum wäre, welcher der drei Kandidaten am beliebtesten ist, stünde der eindeutige Sieger schon jetzt fest.

Das zentrale Leitthema von Mr. Stern ist das Gespräch und der Meinungsaustausch auf allen Ebenen innerhalb der Universität und nach außen hin. Er wies ebenfalls schonungslos auf die derzeitigen Schwächen der Universität hin, allem voran, daß nur etwa 25% der eingeschriebenen Studenten die Universität mit einem Abschluß verlassen, und legte Vorschläge offen, wie diese Probleme zu beheben seien. Weitere Schwerpunkte des Vortrages waren soziale Gerechtigkeit und Vielfalt an der Universität.

Auf die Frage, was denn nun mit seinem Doktortitel sei, antwortete Mr. Stern, daß er im Sommer seine Prüfungen ablegen werde und im Herbst seine Dissertation vorlegen werde. Er habe diesbezüglich dem Komitee einen Brief seines Doktorvaters vorgelegt, in dem ihm das volle Vertrauen ausgesprochen wurde, daß er im Dezember tatsächlich mit dem Doktor fertig sein könne. Ein denkwürdiges Zitat, das in die gleiche Kerbe schlägt: "Ich habe zwar wenig Erfahrung im akademischen Bereich, aber ich bin nicht vollkommen ahnungslos!" - in Anspielung darauf, daß er wegen seiner drei Kinder, die an der Gallaudet-Universität studieren, regelmäßig Besuche abgestattet habe und mit dem Leben auf dem Campus bestens vertraut sei.

Im Vergleich zum Vortrag von Dr. Stephen Weiner am 17. April 2006 war Mr. Sterns Vortrag erheblich spritziger, mit mehr Liebe zum Detail und konkreteren Vorstellungen davon, wie die Zukunft von Gallaudet aussehen sollte. Obwohl Mr. Stern viele Skeptiker überzeugt hat, sind seine größten Schwachpunkte nach wie vor die mangelnde akademische Erfahrung und der fehlende Doktortitel. Viele Leute fragen sich nach wie vor, ob rassistische Motive mitgespielt haben. Bezeichnend dafür sind folgende Äußerungen eines farbigen Studentens:

"Wenn ich richtig verstanden habe, ist [Dr. Glenn Anderson] der erste TAUBE, farbige und in Amerika geborene Staatsbürger, der den Doktortitel erlangt hat, was ihm eine Vorbildfunktion ähnlich wie Andrew J. Foster verleiht. Er ist ZUFÄLLIGERWEISE ein FARBIGER Mann! Dennoch haben sie ihn zugunsten von jemandem verworfen, der KEINEN Doktortitel hat, und der NULL Erfahrung in der Verwaltung und Management von Universitäten besitzt. WARUM?" (Anmerkung der Redaktion: Andrew Foster war der erste taube farbige Student, der einen Bachelor-Abschluß an der Gallaudet-Universität erlangte.)

Ausführlicher Bericht von Patricia Raswant im ASL Community Journal.

Geselligkeit nach Mr. Sterns Vortrag
Geselligkeit, Essen und Diskussionen nach Mr. Sterns Vortrag im Auditorium.

20.4.2006 16:15 Rassenvielfalt

Heute morgen im Fahrstuhl gesehen:

Poster von Dr. Glenn Anderson
"Zielsetzung für Rassenvielfalt: Warum nicht vier?" Studenten wünschen sich, daß Dr. Glenn Anderson als vierter Kandidat in die Endauswahl einbezogen wird.

20.4.2006 7:30 Protestversammlung

Am 19.4.2006 wurde auf dem Sportplatz der Gallaudet-Universität eine erste Protestversammlung abgehalten, die von zehn verschiedenen Studentenvereinigungen mitgetragen wurde. Die Zahl der Teilnehmer bei dieser ersten Versammlung füllte 1 1/2 Tribünen, lange nicht so viele wie zum Höhepunkt der DPN-Bewegung. Das könnte sich jedoch, je nachdem wie es mit der Präsidentenernennung weitergeht, schnell ändern.

Die Versammlung verlief friedlich. Sie richtete sich vor allem dagegen, daß die Meinungen der Studenten zu wenig berücksichtigt worden seien, und gegen die Nichternennung von Dr. Anderson. Die Leiter der Protestaktion betonten, daß die Studenten ihre Macht vorerst durch ihre schiere Anzahl unter Beweis stellen könnten. Sie riefen dazu auf, von den Formularen für Meinungen und Rückmeldungen über die Kandidaten Gebrauch zu machen, um das Suchkomitee förmlich einzudecken.

Rassenvielfalt wird zu Grabe getragen
Rassenvielfalt wird zu Grabe getragen: Protest gegen die Nichternennung des schwarzen Heilpädagogen Dr. Glenn Anderson.
Klatschende Menge
Es gab viel Beifall für die Protestleiter. Zumindest schon eine Tribüne war ganz voll.
Erklärung des Rückmeldeformulares
Der Leiter der Graduate Student Association erklärt das Formular, auf dem Studenten dem Komitee Rückmeldung geben können.
Sketch-und Tanzeinlage
Eine Sketch-, Tanz- und fühlbare Trommeleinlage dazu, wie die Studenten zum Thema "Präsident" stehen.

Pressemeldung von NBC

20.4.2006 5:53 Hintergrundinfos

An der Gallaudet-Universität fängt es an zu brodeln. Der Grund ist die Kandidatenliste, die das Komitee zur Suche nach einem Nachfolger für den derzeitigen Präsidenten der Gallaudet Universität, Dr. I. King Jordan, vor einer Woche veröffentlicht hat. Auf dieser Liste finden sich drei Namen:

Kandidaten mit Schwachstellen

Die Ernennung dieser drei Kandidaten ist vielfach auf Unverständnis gestoßen, obwohl alle drei taub sind (siehe dazu die letzte Präsidentenernnenung im Jahre 1988).

Dr. Weiner gilt allgemein als Person, die auf Leute zugehen kann, es wird aber bezweifelt, ob er die notwendige Erfahrung in der Universitätsverwaltung mitbringt.

Mr. Stern, als Mitglied einer gehörlosen Familie und Vater gehörloser Kinder, ist stark mit der Gehörlosenkultur verbunden, und hat Erfahrung im Anwerben von Geldmitteln. Er hat aber zur Zeit weder einen Doktortitel (für Dezember 2006 geplant), obwohl er in den Richtlinien für die Präsidentensuche ausdrücklich verlangt wird, noch irgendwelche Erfahrung in der Forschung, Lehre und Verwaltung von Universitäten.

Dr. Fernandes, als die rechte Hand vom derzeitigen Präsidenten, bringt Erfahrung in der Univerwaltung und im Anwerben von Geldmitteln mit, ist aber auf dem Campus sehr unbeliebt. Unter Mitarbeitern, aber ganz insbesondere unter Studenten, hat sie sich viele Feinde zugezogen. Oftmals wird ihr Menschenkenntnis und die Fähigkeit, mit Leuten umzugehen, abgesprochen.

Viele fragen sich insbesondere, warum Dr. Glenn Anderson, ein gehörloser schwarzer Heilpädagoge an der Universität von Arkansas, nicht in die engere Auswahl gezogen wurde. Studenten in den Minderheitengruppierungen an der Gallaudet-Universität haben darauf mit Protesten reagiert. Böse Zungen meinen gar, daß die Kandidatenliste extra so erstellt wurde, damit Dr. Fernandes als "auswerwählte Nachfolgerin" von Dr. I. King Jordan ein leichtes Spiel hat.

Unter den drei verbleibenden Kandidaten gilt Dr. Fernandes in der Tat als Favoritin. Das möchten viele Studenten nicht hinnehmen. Etliche Stimmen meinen gar, daß Gallaudet ein neues "DPN" (Deaf President Now) bevorstünde, falls Dr. Fernandes in der Tat zur neuen Präsidentin ernannt wird.

Wie geht es weiter?

Am 17.4. hielt Dr. Weiner einen offenen Vortrag an der Gallaudet-Universität, am 21.4. folgt Mr. Stern, und am 26.4. wird Dr. Fernandes den letzten Vortrag halten. Alle Studenten und Mitarbeiter an der Gallaudet-Universität sind aufgefordert, schriftliche Rückmeldungen über die Stärken und Schwächen der Kandidaten einzureichen, die in der endgültigen Entscheidung berücksichtigt werden sollen.

Christian Vogler

Hinweis: Alle Kommentare, Berichte und Informationen auf dieser Seite stellen rein meine eigene private Meinung dar und haben weder etwas mit der offiziellen Haltung der Gallaudet-Universität zu tun, noch sind sie von der Gallaudet-Universität beeinflußt oder abgesegnet worden.